Eingang
Jörg Scharff
Roland Scharff
 







Folgender Schulaufsatz, geschrieben im Frühjahr 1977 (9. Klasse „Polytechnische Oberschule“ = POS), charachterisiert meine Leidenschaft für die Eisenbahn, das Fotografieren und das Schreiben.

Unser damaliger Klassenlehrer, er unterrichtete u.a. Deutsch, ermittelte für Rechtschreibung und Grammatik mathematisch korrekt aus dem Verhältnis Fehlerzahl zu Textmenge jeweils die mir dafür zustehende, aber nicht mehr bekannte Zensur, da ich nur noch im Besitz des Entwurfes bin. Für den schriftlichen Ausdruck und für den Inhalt setzte es jeweils die Note 3, die ich mir wegen großer Verärgerung merkte. Er stieß sich vor allem an der reißerischen, Ich-bezogenen Form des Aufsatzes. Verbal sah er diesen sogar als mit Note 4 bis 5 zu bewerten an, was er mir letztendlich dann doch nicht antat. Dennoch – für diese Individualitäts-unterdrückende Einschätzung meiner Zeilen – zolle ich ihm gegenüber in der Erinnerung eine respektvolle Abneigung (obwohl ich Verständnis für ihn haben müsste – doch dazu am Ende mehr…).

Das beschriebene Ereignis fand tatsächlich im Herbst 1976 statt:

„Meine Fotojagd“

Wie andere leidenschaftlich Briefmarken sammeln, Modelle bauen oder reisen, so fotografiere ich leidenschaftlich gerne Dampflokomotiven, da diese sehr selten und technisch interessant sind. Die Fotos sammle ich dann.

Als wir nun in den Herbstferien mit der Arbeitsgemeinschaft nach Gorenzen fuhren, bekam ich für mich sensationell, sehr viele Dampflokomotiven verschiedener Baureihen zu Gesicht. Im Hauptbahnhof von Quedlinburg konnte ich zum Beispiel durch die Unachtsamkeit der Schaffner eine Schnellzuglokomotive der Baureihe 03 und nach langem Warten und Bangen eine Güterzuglokomotive der Baureihe 52 fotografieren.




Meine tollste Fotojagd erlebte ich aber auf dem Bahnhof von Klostermansfeld, als wir die Heimreise antraten. Mit einem Bus vom Typ Robur wurden wir zum Bahnhof gebracht. Auf dieser Fahrt hoffte ich die Möglichkeit zu bekommen, eine Dampflokomotive, egal ob Güterzuglok oder Schnellzuglok, zu fotografieren. Auch hoffte ich, dabei nicht erwischt zu werden, denn Fotografieren ist wegen der Geheimhaltung der Anlagen strengstens untersagt. Das würde mich daran aber nicht hindern, eine Dampflokomotive zu fotografieren. Auf dem Quedlinburger Bahnhof hatte ich es ja auch geschafft, und außerdem beachten auf den meisten Bahnhöfen die Eisenbahner die Einhaltung dieses Verbotes nicht; ausgenommen auf dem Karl-Marx-Städter Hauptbahnhof. Hier wurde ich von der Bahnpolizei auf dieses Verbot hingewiesen, und ich mußte meinen Apparat schließen.

Als wir aus dem Bus ausgestiegen waren, sah ich am hinteren Ende des Bahnhofes von Klostermansfeld eine sich fortbewegende Rauchfahne, die mein Herz höher schlagen ließ. Diese Rauchfahne mußte von einer Dampflokomotive stammen. Die Lokomotive bekam ich vorläufig noch nicht zu Gesicht und sollte sie auch nicht so bald sehen, da der Bahnhof aus vermutlich Sicherheitsgründen mit einer ca. 4 Meter hohen Mauer umgeben war.

Wir begaben uns nun in das Empfangsgebäude des Bahnhofes, in dem sich auch eine verqualmte und übelriechende Kneipe befand. Ich wollte aber auf den Bahnsteig hinaus, um die geographische Position der Dampflokomotive auszumachen. So begab ich mich nun zur Tür, die zum Bahnsteig führte. Leider war sie verschlossen, und der Standort des dazugehörigen Schlüssels machte mich auch nicht optimistisch. Er befand sich nämlich bei der Schaffnerin, die die Tür zwecks Verhinderung einer möglichen Spionage abgeschlossen hatte.

Traurig und schwer enttäuscht blickte ich nun durch das Fenster dieser Tür. Sofort verspürte ich ein nicht zu überhörendes Herzklopfen, welches mich durch die Erhöhung des Blutdruckes feuerrot anlaufen ließ. Glücklicherweise bemerkten die anderen AG-Mitglieder nur meine Aufregung, aber nicht meine Gesichtsröte.

Ich begab mich nun in die verqualmte Kneipe, in der einige angetrunkene ältere Männer saßen und mich verwundert anblickten. Ich trat an ein Fenster. Das hatte zur Folge, daß ich einen stechenden Schmerz im Herz verspürte, denn ich erblickte einen Oldtimertriebwagen. Diese Wagen sind sehr selten und werden sicher „aussterben“. Die Dampflokomotive erspähte ich jedoch nicht.

Ich ging zu meinem Vati und fragte ihn, ganz verzweifelt, was ich nut tun sollte. Sollte ich zur Schaffnerin hingehen und sie fragen, wann geöffnet oder sollte ich sie notfalls darum bitten, die zum Betreten des Bahnsteiges gedachte Tür zu öffnen? Nein, das schien mir zu aufdringlich, und ich mit meinem ängstlichen und zurückhaltenden Verhalten würde mir das nicht wagen. In mir sieg nun eine Wut auf diese mir sinnlos übertriebenen Sicherheitsmaßnahmen hoch. Mit jedem, mit dem ich aus der AG zusammentraf, schimpfte ich über diese Zustände. Schließlich ging ich mit einigen anderen Jungen auf den Bahnhofsvorplatz, um ein Loch oder eine Tür in der wie ein Schutzwall angelegten Mauer zu finden. Leider fand ich so etwas nicht, deshalb begann ich wie ein Rohrspatz mit tiefer Stimme zu schimpfen. Jedoch gebot mir das Herannahen einiger Erwachsener damit bald aufzuhören. Trotzdem kochte ich innerlich.

Ich begab mich zurück in das Empfangsgebäude, in dem ich mich resignierend auf eine Bank niederließ. In mir tobte ein schwerer Kampf. Was sollte ich tun? Ich konnte ja nicht so einfach zur Schaffnerin gehen. Außerdem eignete sich diese durch ihren kräftigen Körperbau und den bissigen Gesichtsausdruck nicht gerade für eine solche Frage. Mein Herzklopfen verstärkte sich ständig, denn in 15 Minuten kam der Zug. Außerdem bangte ich, daß überhaupt aufgeschlossen wird oder vielleicht so, daß wir den Zug verpassen würden. Ich stand in meiner Verzweiflung auf und lief nervös hin und her. Dann ging ich noch einmal zu meinem Vati, um Rat zu holen, er wußte aber auch keinen.

Ich ging wieder hinaus bis zum äußeren Ende des Bahnhofes, aber was mußte ich sehen – Stacheldraht. Das war nun der Gipfel des Sicherheitsfanatismusses. Und schlimmer noch als das – hinter dem Stacheldraht standen verwrackte Güterwagen. Die Dampflok aber sah ich nicht, nur ihre Rauchfahne. Sie mußte unmittelbar hinter der Mauer stehen. Ich ging in das Gebäude zurück und schaute auf die Uhr. Die Zeit jagte mir Angst und Schrecken ein - in sieben Minuten fährt der Zug! Und die Tür ist immer noch nicht aufgeschlossen! Wieder ging in ganz nervös hinaus, gleich aber wieder hinein. Meine Aufregung steigerte sich von Minute zu Minute. Ich war nahe am platzen. Ich ging wieder zur Tür. Vor Aufregung konnte ich kaum mehr stehen. Sie war immer noch nicht aufgeschlossen. Ich war nahe daran, eine Kirche zu errichten.

Plötzlich kam die Schaffnerin mit einem überdimensionierten Schlüsselbund und schloß die Tür auf. Ich aber hatte die Hoffnung nach einem Foto von der Dampflokomotive schon verloren und wäre vor Wut am liebsten abgehauen. Als ich aber nun den Bahnsteig betrat, hätte ich beinahe einen schweren Herzinfarkt bekommen, denn in diesem Augenblick fuhr die Dampflokomotive an den Bahnsteig und hielt.

Nun mußte ich mit der Zeit kämpfen. Ich hatte Mühe den Apparat zu halten. Mir gelang es jedoch, die Dampflokomotive zu fotografieren. Es handelte sich hierbei um eine Güterzuglokomotive der Baureihe 50. Als ich das vierte Foto schießen wollte, kam auch schon unser Zug. Das brachte mich nun auf den Gipfel der Nervosität. Ich drückte ab, und es wurde, wie sich 3 Wochen später herausstellte mein bestes Foto.




Wir stiegen in den Zug ein, ich als letzter. Ich war immer noch sehr nervös, aber heilfroh, die Sache ohne Nervenkollaps überstanden zu haben. Einige belächelten meinen Fanatismus, aber ich machte mir nichts daraus, ich war glücklich darüber, daß ich endlich wieder einmal Dampflokomotiven zu sehen bekam, die ein gefundenes Fressen für meinen Fotoapparat waren. Auf der Heimfahrt sah ich noch einige Dampflokomotiven. Besonders gefiel mir eine fahrende Dampflokomotive, die ich aber nicht auf den Film bekam. Aber trotzdem – ich war mit mir und der Welt zufrieden.

Ich fotografiere Dampflokomotiven leidenschaftlich gerne, da ich mich für diese, mehr als für alles andere interessiere. Ich finde es zum Beispiel nicht schön, obwohl es von ökonomischen Nutzen ist, daß sämtliche Dampflokbaureihen verschrottet werden. Mit ihnen stirbt ein Stück Eisenbahnromantik. Ein großer Teil der Dampflokomotiven besitzt schon historischen Wert. Einige Typen existieren überhaupt nicht mehr, bzw. sind schon zu anderen Dingen verarbeitet worden. Man könnte zwar von jeder Baureihe mindestens eine erhalten, aber es wird nicht gemacht. Unsere Nachfahren werden uns „dankbar“ sein.
 
Ende des Aufsatzes. 

Beim Lesen dieses Aufsatzes wird meinen damaligen Klassenlehrer sicher ein "vor der Stasi-Angst-Anfall" nach dem anderen getroffen haben, die seine verbale Bewertung meines Aufsatzes unter den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen gewissendlich verständlich machen kann. – Was er aber nicht wusste: die Begriffe „Spionage“, „Sicherheitsfanatismus“, „Mauer“ und „Abgehauen“ habe ich aus purer 16-jähriger Naivität verwendet - also aus der beschriebenen Situation gefühlt heraus (ohne doppelbödigen Sinn). Durch sein hartes Urteil jedoch fühlte ich mich ungerecht behandelt und war mächtig sauer und bin das bis heute sogar gerne! 

An dieser Stelle noch zwei Berichtigungen des Aufsatzinhaltes zu schon damals nicht haltbaren Behauptungen meinerseits:

- Bereits seit Mitte/Ende der 60´ger Jahre erhielten die Deutsche Reichsbahn und das
  Verkehrsmuseum Dresden historische Eisenbahnfahrzeuge aller Art.

- Bereits seit 1973 war laut Kursbuch der Deutschen Reichsbahn das Fotografieren auf den
  der Öffentlichkeit zugänglichen Bahnanlagen gestattet (wurde aber trotzdem bis zur „Wende“
  durch Unverbesserliche behindert).


 
Top